Portraits

«Wenn wir uns selber mit Energie versorgen, profitiert die lokale Wirtschaft»

Jürg Rohrer
Unternehmer, Umweltschützer und Dozent: Jürg Rohrer ist ein Mensch mit vielen Facetten. Aber egal, welche Bezeichnung er trägt – ein Thema zieht sich wie ein roter Faden durch die Aktivitäten des 49- jährige Glarners: die effiziente Nutzung der Ressourcen. An der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ist er Dozent für erneuerbare Energien. Mit den Studentinnen und Studenten erarbeitet er unter anderem Energiekonzepte für Firmen und Gemeinden. Ob Nutzung von Abwärme, Vernetzung von Energiekreisläufen oder Optimierung der Haustechnik: «Das Energie-Sparpotenzial bei Gebäuden und Industrie ist gewaltig», sagt Rohrer.

Der ETH-Ingenieur weiss, wovon er spricht. Mehr als 20 Jahre arbeitete er selber in der Industrie. Seine Firma Up-To-Date AG entwickelt und baut Abluftreinigungsanlagen, die den Betreibern massive Energieeinsparungen bringen. Sein Wissen und seine Erfahrungen gibt er an der Hochschule weiter. «Das Bewusstsein für den Umgang mit Energie wird immer stärker», sagt Rohrer. «Jetzt fragt sich, wie das im Alltag umgesetzt wird.»

Privat ist Jürg Rohrer ebenfalls im Energiebereich aktiv. Er ist Präsident der Energieallianz Glarus. Der Verein hat ein Ziel: Glarus soll sich selber mit Energie versorgen. Der Weg dazu geht primär über Energieeffizienz und Verbraucherverhalten, sowie mit Biomasse-, Windkraft- und Solaranlagen, die mit Geldern aus der Region finanziert werden. Jürg Rohrer und seine Mitstreiter suchen freie und geeignete Dächer. Sie rufen die Solar-Projekte entweder selber ins Leben oder helfen Dritten bei der Finanzierung.

Die Energieallianz Glarus investiert alleine in diesem Jahr 1,5 Millionen Franken vor Ort. Nochmal so viel wird von Privaten ausgelöst. Die Allianz ist nicht gewinnorientiert. Das Geld fliesst ausschliesslich in Projekte, die die Region energieautark machen sollen. «Wenn wir uns selber mit Energie versorgen, profitiert die lokale Wirtschaft und die Wertschöpfung bleibt im Kanton», sagt Jürg Rohrer. Man muss kein Hochschulprofessor sein, um die Vorteile dieses Konzepts zu verstehen.

Aber: Mit der Produktion von erneuerbaren Energien allein ist es nicht getan. Der Verbrauch muss sinken. Das weiss Jürg Rohrer nur zu gut. «Ob es um die Erhöhung des Selbstversorgungsgrades oder um den Ersatz der Atomkraftwerke geht: Zwei Drittel der Lösung besteht aus Effizienzmassnahmen.» Dafür braucht es die Mithilfe der Stromlieferanten. Jedes EW verdient am selbst produzierten Strom wesentlich mehr, als am gehandelten Strom. Es macht also für die meisten EW wirtschaftlich Sinn, den Selbstversorgungsgrat zu Erhöhen. «Ein moderner Stromversorger, der ernst genommen werden will, muss diese Potentiale angehen», sagt Rohrer.

Also war das lokale EW gefragt: Die Technischen Betriebe Glarus Nord (TBGN) lancierten das Energiespar-Programm YES (Your Energy Saver). Die Haushalte im Versorgungsgebiet profitieren von gratis Wassersparsets, Vergünstigungen auf Geräte der Klasse A++ oder Stand-by-Killern. TBGN-Spezialisten beraten fortan Schulen und Behörden, wie sich am Arbeitsplatz Strom sparen lässt. Doch wie bringt man ein EW dazu, solche Aktionen zu starten?

Ein Weg führt über die Kostendeckende Einspeisevergütung (KEV). Mit dem Programm werden die wenig bekannten «Wettbewerblichen Ausschreibungen für Effizienzmassnahmen» ausgeschrieben. 5 Prozent der KEV-Gelder werden für Massnahmen bereitgestellt, die den Stromverbrauch senken. Unternehmen, Behörden und Institutionen können sich um die Beiträge bewerben. Ausgewählt werden die besten Ideen; das heisst Projekte, die pro investiertem Franken am meisten Kilowattstunden Einsparungen bringen.

YES gehörte zu den Auserwählten. «Für unser EW stand die Frage im Raum, ob es sich lediglich auf die Lieferung von Strom konzentriert, oder ob es ein umfassender Dienstleister und Ansprechpartner für alle Aspekte zum Thema Energie sein will», sagt Jürg Rohrer. Er stellt klar, dass die Allianz einen gewissen Druck aufgebaut hat: «Wäre unser EW nicht aktiv geworden, hätten wir von der Energieallianz Glarus selber das Projekt am KEV-Wettbewerb eingereicht.»

http://www.stiftung-kev.ch/foerdermittel/wettbewerbliche-ausschreibungen...

www.energieallianz-glarus.ch

http://www.zhaw.ch/fileadmin/php_includes/popup/person-detail.php?kurzz=...

http://www.stiftung-kev.ch/

Eine Politikerin, die voraus geht

Regula Baggenstos
Regula Baggenstos hat eine grosse Stärke: Sie hat keine Geduld. Anstatt an langen Sitzungen laue Kompromisse zu formulieren, packt die FDP-Politikerin Projekte lieber selber an. So hat sie mit Gleichgesinnten die Zürichsee Solarstrom AG (ZSSAG) ins Leben gerufen. Dafür sammelten sie in nur zwei Monaten über eine Million Franken. Das Geld wird in die Stromzukunft investiert. Die Zürichsee Solarstrom AG ist das erste Solarstromnetzwerk rund um den Zürichsee. Die AG plant, errichtet und betreibt grosse Solaranlagen auf den Dächern verschiedenster Gebäude in der Region. Es werden nur Projekte realisiert, bei denen die Stromabnahme kostendeckend oder mit langfristigen Verträgen geregelt ist. Erste Projekte wie der Solarpark Erlenbach sind schon in Betrieb und liefert Strom für 45 Haushalte. Weitere Anlagen sind in Planung.

Die ZSSAG sucht geeignete Dächer und Fassaden, berät die Hausbesitzer und bringt sie mit Fachleuten zusammen. «Erneuerbare Energien sind demokratisch: Vom kleinen Unternehmer bis zum Hausbesitzer kann jeder mitmachen», sagt Regula Baggenstos. In der ZSSAG kann auch jeder und jede Aktien zeichnen. Bemerkenswert ist, dass viele der Gründer der AG wie Regula Baggenstos der FDP und dem liberalen Gedankengut nahestehen. Banker und Juristen tragen die ZSSAG mit. Neben Privatpersonen sind auch Gemeinden und Gemeindewerke Mitglied. Die Aktionäre sind überzeugt, dass Solarstrom eine sichere Kapitalanlage ist. Dank der kostendeckenden Einspeisevergütung (KEV) erhält die Gesellschaft für die im Jahr 2009 realisierten Solarstromanlagen 65 Rappen pro kWh – und das vertraglich garantiert für 25 Jahre. Der Verwaltungsrat der ZSSAG geht von 2 bis 3 Prozent Rendite jährlich aus. «Die kostendeckende Einspeisevergütung, die sinkenden Preise für Solarstrompanels und die Liberalisierung im Strommarkt eröffnen der Solarenergie als interessantes Investitionsfeld neue Handlungsspielräume und Möglichkeiten», sagt Baggenstos. «Wir warten nicht auf die politischen Beschlüsse, sondern werden selber aktiv.»

Aufgewachsen ist Regula Baggenstos im ursprünglichen Bauerndorf Herrliberg, wo sie auch heute wieder wohnt. Das Umweltbewusstsein hat die zweifache Mutter von ihrem Grossvater mitbekommen. Der ehemalige Bauunternehmer und SVP-Kantonsrat dachte vor mehr als 50 Jahren schon Ökologisch. «Er sagte immer: Die Natur ist wichtig, dazu trägt man sorge!», erinnert sich Regula Baggenstos. Das habe sie geprägt. Später, als die gelernte Raumplanerin ein Architekturbüro führte, trug sich Grossvaters Überzeugung weiter. «Mit der Ölkrise 1979/1980 war mir klar, dass wir neue Lösungen brauchen.» Sprich: Gebäude, die weniger Energie brauchen und eine Stromproduktion, die nachhaltig ist.

Wegen ihrem Engagement für erneuerbare Energien und ihrer offenen Ablehnung der Atomkraftwerke musste Baggenstos schon heftige Kritik aus bürgerlichen Reihen einstecken. Das irritiert sie kein bisschen: «Ich unterstütze, was gut ist.» Und das seien eben die Erneuerbaren. Die 55-Jährige ist überzeugt, dass die Mehrheit der Schweizer genau gleich denkt. «Viele Politiker haben das noch nicht realisiert. Sie wollen wiedergewählt werden und halten darum vielfach ängstlich am alt hergebrachten fest.»
Baggenstos gefällt die Basisarbeit. Sie ist Mitglied der Energiekommission Herrliberg und leitet die Gruppe Energie FDP Bezirk Meilen. «So lässt sich etwas bewegen», so die Mit-Initiantin der Initiative «Strom für morn». Diese kantonale Volksinitiative verlangt, dass die kantonalzürcherischen Strombezugsverträge und Investitionen in den kommenden Jahrzehnten ganz auf erneuerbare Energien ausgerichtet werden. «Das ist langfristig nachhaltiger, billiger und sicherer», sagt Baggenstos. Die Vorlage liesse sich problemlos auf andere Regionen und Kantone übertragen. «Es braucht dafür initiative Leute, die etwas verändern wollen.» Bei Verhandlungen mit Gemeindewerken und Gemeinden benötige man einen langen Atem. Doch die Zeit sei günstig, neue Projekte zu lancieren – zum Beispiel nach dem Vorbild der ZSSAG. Schliesslich bleibe so die Wertschöpfung vor Ort. «Solarstrom ist die Zukunft. Immer mehr Leute erkennen, dass wir neue Wege in der Energieversorgung suchen müssen.»

www.zssag.ch
http://www.stromfuermorn.ch/
www.fdpbezirkmeilen.ch unter Rubrik Aktuell
web.me.com/zssag/

«Wir müssen der Natur etwas zurückgeben»

Roman Betschart
Erstfeld im Kanton Uri: Steile Hänge, dichte Wälder und frisches Wasser. Von Gletschern und Seen stürzt das Nass ins Tal. Auf seinem Weg hinab treibt es die Turbinen der Gemeindewerke Erstfeld an. Die Generatoren im Kraftwerk Bocki surren ohrenbetäubend. Das ist Musik in Roman Betscharts Ohren: «100 Prozent Ökostrom, zertifiziert mit dem höchsten Gütelabel naturemade star!», sagt der CEO der Gemeindewerke Erstfeld zufrieden.

Der passionierte Alpinist setzt sich seit den Neunzigerjahren für die ökologische Stromproduktion ein. Betschart, damals knapp 30 Jahre alt, bekam den Auftrag, die Kraftwerke der Gemeindewerke Erstfeld zu erneuern. Der Ingenieur stiess dabei auf das Problem der Restwassermenge. «Diese Auseinandersetzung war wegweisend. Ich begriff: Wir müssen der Natur etwas zurückgeben, damit sie lebenswert bleibt.» Diese Erkenntnis prägt die Gemeindewerke Erstfeld bis heute. Um mit dieser Überzeugung im Strommarkt bestehen zu können, mussten sich die Gemeindewerke Erstfeld aber noch etwas einfallen lassen: Betschart überzeugte den Verwaltungsrat, den sparsamen Umgang mit Energie zu belohnen. Verbrauchen die Erstfelder weniger Energie, müssen die Gemeindewerke im Winter weniger Strom zukaufen. Und im Sommer, wenn die Wasserkraftwerke auf Hochtouren laufen, können die Gemeindewerke dank dem tiefen Verbrauch mehr vom hoch zertifizierten Ökostrom mit Gewinn an Dritte weitergeben. «So wirtschaftet unser Unternehmen effizienter», sagt Betschart.

Um den Verbrauch im Versorgungsgebiet zu senken, haben die Gemeindewerke Erstfeld haben ein Schweizweit vorbildliches Förderprogramm für Privatpersonen eingeführt. Bei der Umsetzung haben die Gemeindewerke auf ein zeitgleich lanciertes Förderprogramm des Kantons Uri reagiert – und sind mindestens einen Schritt weiter gegangen. Sie unterstützen Warmwasserkollektoren und PV-Anlagen mit namhaften Beiträgen. Auch wer seine Stromfresser (von der Elektroheizung bis zum alten Kühlschrank) zu Hause ersetzt, profitiert von Beiträgen des Werks. «Wer weniger Strom braucht, ist unabhängiger», sagt Betschart.

Heute gehören die Gemeindewerke Erstfeld gehören zu den grössten Ökostromproduzenten der Schweiz: Mehr als 30 Millionen Kilowattstunden speisen sie pro Jahr ins Netz ein. Es sollen noch mehr werden. Ziel ist die Selbstversorgung zu 100 Prozent. Rein mengenmässig schafft das Erstfeld schon jetzt. Aber der Strom aus Wasserkraft fällt hauptsächlich im Sommerhalbjahr an. Um künftig auch im Winter den Bedarf decken zu können, motivieren die Gemeindewerke Erstfeld die Bürgerinnen und Bürger zur dezentralen Energieproduktion durch verschiedene Technologien und erneuerbare Ressourcen.

An Verbündeten mangelte es Betschart nicht. Erstfeld trägt stolz das Label Energiestadt. Die Gemeindewerke haben als erstes mit «privaten Pionieren», wie es Betschart ausdrückt, zusammengearbeitet. «Wir haben mit Leuten, die sich fürs Thema Energie interessiert, Referenzobjekte erstellt. So konnten wir beweisen, dass unsere Idee funktioniert.» Gleicher Komfort, keine zusätzlichen Kosten und mehr Unabhängigkeit - die positiven Erfahrungen mit Solaranlagen und Warmwasserkollektoren haben sich im Dorf rasch herumgesprochen. Immer mehr Leute meldeten sich in der Folge fürs Förderprogramm. Betschart ist sich bewusst: «Es braucht Zeit, bis die ganze Schweiz mit erneuerbaren Energien versorgt werden kann.» Doch der Berggänger weiss: «Auch mit kleinen Schritten gelangt man auf die höchsten Gipfel.»

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